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Eine Herkulesaufgabe, die grosses Durchhaltevermögen verlangt: Ausgabe 18/2019, 07.11.2019

Stellensuche ab 50+

Die Stellensuche ab dem 50-sten Lebensjahr ist anspruchsvoll, erfordert Geduld, unablässiges Suchen und ausloten von Möglichkeiten und nicht zuletzt eine grosse Portion Durchhaltevermögen. Diese Eigenschaften sind nicht jedermanns Sache. Ohne einen neuen Arbeitsvertrag im Alter 50+ die Kündigung einzureichen kann fatale Konsequenzen nach sich ziehen.

Autor: Theodor Klossner, FAEL-Vorstand, Text und Bilder

Die Stellensuche im mittleren und höheren Alter kann sich über eine lange Zeit hinziehen. Warum ist es eigentlich so schwer, eine neue Stelle zu finden, wo doch überall Fachkräfte gesucht werden und in vielen Wirtschaftssektoren genügend Stellen verfügbar wären?

Der Arbeitsmarkt und die Lohnkosten
Hat man das 50-ste Lebensjahr überschritten und verliert man seine Arbeitsstelle, wird die Suche und die Bewerbung anspruchsvoll. Dafür gibt es eine Vielzahl von mehr oder weniger stichhaltigen Gründen. Immer wieder wird angeführt, dass ältere Arbeitnehmer für das Unternehmen zu teuer seien, da das Gehalt und die Sozialabgaben ab Alter 45 deutlich höher sind. Dazu ist zu sagen, dass ein Unternehmen bis zum Altersjahr 45, fünf Gehaltsprozente BVG-Beiträge entrichten muss und diese bis zum Alter 55 auf 9 % steigen.
Der BVG-Beitrag und das höhere Gehalt ergibt in der Summe eine deutliche Differenz zu jüngeren Arbeitnehmern. In der freien Marktwirtschaft bedeutet dies, dass der ältere Mitarbeiter für die höheren Lohnkosten einen entsprechenden Mehrwert generieren muss. Dieser Mehrwert soll sich für das Unternehmen auszahlen und der Bewerber hat ihn entsprechend aufzuzeigen und dem potenziellen neuen Arbeitgeber zu verkaufen.

Die Skepsis der Chefs
Eine wesentliche Hürde für ältere Arbeitnehmer ist die Teamzusammensetzung und/ oder das Alter des zukünftigen direkten Vorgesetzten. Jüngere Chefs, die an ihrer Karriere arbeiten, sind weniger interessiert, einen erfahrenen Mitarbeiter zu führen, wenn ein jüngerer verfügbar ist. Wer aus Erfahrung immer gleich weiss was nicht funktioniert, hat es schwerer sich gegen einen Stellensuchenden aus der gleichen Generation wie der des direkten Vorgesetzten zu behaupten. Jüngeren Bewerbern wird attestiert, dass sie eher
neues ausprobieren wollen, Risikobereitschaft zeigen, formbar sind und bestens in ein EinGenerationen-Team passen.
Dass die Hackordnung z.B. in einem MehrGenerationen-Team kompliziert sein kann, mag das Beispiel einer Verkaufsabteilung zeigen: jüngere Verkäufer müssen sich erst mit guten Resultaten profilieren. Der gestandene Vertriebsmann mit jahrelanger Erfahrung würde sich hervorragend als Coach und Vorbild eignen. Erkennt der Vorgesetzte diesen Vorteil, dann hat der 50+-Kandidat eine gute Chance. Im anderen Fall wird man jüngere einstellen, auch wenn die sehr viel schwieriger zu rekrutieren sind.

Initiativbewerbungen – Headhunter – eigenes Netzwerk
Wenn grössere Unternehmen Fachkräfte entlassen, werden oft sogenannte «Outplacement-Firmen» zur Unterstützung der entlassenen Mitarbeiter engagiert. In regelmässigen Meetings werden Fragen der Stellensuche besprochen: vom aussagekräftigen Lebenslauf bis zum Bewerbungsgespräch. Aus den Statistiken dieser Firmen liest man, dass beinahe 100 % der Stellensuchenden mit Alter 50+ wieder eine neue Beschäftigung finden. Allerdings dauert es oft mehr als ein Jahr bis zum Unterzeichnen eines neuen Arbeitsvertrags.
Eine wesentliche Tatsache ist, dass die überwiegende Mehrzahl der Stellensuchenden via eigenes Netzwerk zum Erfolg gelangt. Das berufliche Netzwerk zu erweitern und zu pflegen ist besonders wichtig für langjährige Mitarbeiter, die kaum je den Arbeitgeber gewechselt haben.

Die eigenen Fähigkeiten erkennen
Natürlich sollte man alle Kanäle nutzten: Initiativbewerbungen bei potenziellen Arbeitgebern oder Personalberatungsfirmen können zum Erfolg führen. Man muss sich allerdings bewusst sein, dass wenige Unternehmen Initiativbewerber-Datenbanken bewirtschaften und Personaldienstleister nur dann interessiert sind, wenn sie gerade über ein aktuelles Mandat verfügen, das passt.
Eine Entlassung führt manchmal zu einer Trotzreaktion: Denen zeige ich es jetzt aber! Ich gehöre noch lange nicht zum alten Eisen. Oder: Jetzt starte ich durch, mit meiner Erfahrung kann ich nochmals einen Karriereschritt anpacken. Angezeigt sind eher ein wenig Demut und die Besinnung auf die eigenen Fach- und Sachkenntnisse. In vielen Dienstjahren hat man Kenntnisse und Fähigkeiten erworben, die manchmal sogar in fremden Branchen wertvoll sein können und eine neue Karriere ermöglichen. Das eigene Qualifika- tionsprofil zu erstellen ist allerdings nicht einfach. Es sind nicht die sogenannten Softskills, die zählen. Es sind die erworbenen Fach- und Branchenkenntnisse, die entscheiden, ob man überhaupt zum Gespräch eingeladen wird.

Was ist mein USP – Unique Selling Propostion?
Wenn man sich gegen jüngere Kandidaten durchsetzen muss, helfen persönliche Stärken wie überdurchschnittliches Durchhaltevermögen, schnelle Auffassungsgabe, Konfliktfähigkeit usw. nicht weiter. Man kommt nicht umhin aufzuzeigen, welche fachlichen Begabungen man in die neue Aufgabe einbringen kann und wie man sich dadurch von anderen Bewerbern abhebt. Allgemeinplätze sind da wenig hilfreich. Fragt man eine Führungskraft, ob sie erfolgreich Mitarbeiter motivieren kann, dann sagt niemand Nein. Fragt man jedoch, welche Technologien sie zielführend im Unternehmen eingeführt hat, wird es konkret. Gerade 50+-Stellensuchende verfügen über viel Wissen und Erfahrungen, das sie als USP (Unique Selling Proposition) ins Vorstellungsgespräch einbringen können, um sich von anderen Bewerbern zu unterscheiden.

Zielgerichtet Bewerben – Profil muss passen
Gute Chancen auf eine Einladung zum Bewerbungsgespräch hat derjenige, dessen Qualifikationsprofil sehr gut auf die zu besetzende Position passt. Wichtig ist die sogenannte Papierform und weniger die eigene Motivation. Die kann man zwar schon einmal im Motivationsschreiben kurz und prägnant dokumentieren. Aber auch hier gilt, der erfahrene Bewerber soll konkrete Aussagen treffen und darstellen warum er sich interessiert. Wer sich bei Personalberatern bewirbt, der braucht kein Motivationsschreiben zu senden. Ein aussagekräftiger Lebenslauf mit Qualifikationsprofil ist hier umso wichtiger.

Wie verkaufe ich meine Fähigkeiten?
Der Bewerbungsprozess ist ein Verkaufsprojekt. Die Herausforderung ist gross, denn bei jeder Bewerbung startet derselbe Prozess wieder von neuem. Man beginnt mit seinem CV das Interesse zu wecken, zeigt den Nutzen der eigenen Person für das Unternehmen auf und kommt zum Abschluss mit Flexibilität bei der Ausgestaltung des Arbeitsverhältnisses. Wer zehn, 20 oder mehr Jahre für dasselbe Unternehmen tätig war, hat es nicht einfach, denn man kennt ihn und seine Verdienste, die er sich im vorherigen Arbeitsverhältnis erworben hat, nicht. Er muss wieder von vorne beginnen und sich neu positionieren. Welche der Berufserfahrungen für das neue Unternehmen besonders wertvoll sind, muss in der Bewerbung und im Gespräch überzeugend dargestellt werden. Vor allem langjährig Berufserfahrene müssen einem neuen Arbeitgeber aufzeigen, welchen Nutzen sie mit den erworbenen Kenntnissen und Fähigkeiten im Unternehmen stiften können.
Wie bereits erwähnt, ist ein tragfähiges Netzwerk in unserer schnelllebigen Zeit immer wichtiger. Persönliche Kontakte in der Branche, Mitgliedschaften in Berufsverbänden usw. und viel Wissen und Information über den potenziellen neuen Arbeitgeber sind matchentscheidend. Aus Mitleid oder weil es bereits die 50-ste Bewerbung ist, wird niemand eingestellt.

Infoservice
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Weinbergstrasse 41, 8006 Zürich
Tel. 079 330 52 43
theodor.klossner@swissengineering.ch, www.swissengineering.ch

 



Gute Chancen auf eine Einladung zum Bewerbungsgespräch hat derjenige, dessen Qualifikationsprofil sehr gut auf die zu besetzende Position passt


Gerade 50+-Stellensuchende verfügen über viel Wissen und Erfahrungen, das sie als USP ins Vorstellungsgespräch einbringen können.

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