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René Brugger mit kritischen Gedanken im Vorfeld der Sindex 2016 : Ausgabe 14/2016, 31.08.2016

«Jetzt heisst es loslegen»

Effizienter, schneller und günstiger produzieren, die Time-to-Market reduzieren – Industrie 4.0 machts möglich. Doch so einfach und logisch das klingt, so einfach ist es oft nicht – speziell was das Verständnis und die Umsetzung angeht. Aus diesem Grund legt die diesjährige Sindex den Fokus auf Industrie 4.0.

Autor: René Brugger, Verbandspräsident SwissT.net, Coach und Wegbereiter beim Thema Industrie 4.0 (Text und Bild)

«Wo steht die Schweiz in Sachen Industrie 4.0, verglichen mit anderen Ländern?» Das ist die häufigste Frage, die mir von Journalisten, Berufskollegen oder CEOs immer wieder gestellt wird. Gerade jetzt, wo die Technologieveranstaltung Sindex vor der Tür steht und Industrie 4.0 als Hauptpunkt auf der Dreitagesagenda steht, ist diese Frage hochaktuell. Es gibt Untersuchungen, die der Schweiz eine hohe «Readyness» attestieren, aber «bereit» zu sein heisst ja noch lange nicht, dass man es auch tut. Das klingt nun etwas hart, aber trifft aus meiner Sicht den Nagel auf den Kopf. Nun spüre ich sofort die bösen Blicke von manchen Industriellen auf mich gerichtet.

Die hochautomatisierten Schweizer Produktionsstätten hätten doch schon eine Menge an Elementen von Industrie 4.0 drin, sagt man mir immer wieder. Fernwartung sei doch schon lange realisiert und überhaupt hätte man einst mit CIM vor Jahrzehnten die Grundsteine zu Industrie 4.0 gelegt – dies um nur die wichtigsten Abwehrargumente zu nennen.

Lean Enterprise ist ein gutes Fundament

Bei meiner Arbeit als Verbandspräsident und auch als Coach und Berater in den Führungs- und Verwaltungsratsebenen, habe ich immer wieder Einblick in Unternehmen mit ihren Wertschöpfungsprozessen. Zuerst schaue ich gar nicht auf die Digitalisierung im Betrieb, sondern versuche einen groben Eindruck von der Betriebsphilosophie zu gewinnen.

Da staune ich immer wieder, wie mittlere und auch grössere Betriebe noch eine arbeitsteilige, abteilungsbezogene Werkstattfertigung haben, wo sich die Bestände «mal mehr, mal weniger» türmen. Klar steht auf der Suche nach Methoden für einen individualisierten Einbezug der Kunden und kleine Losgrössen die Digitalisierung als fortgeschrittene Technologie zur Verfügung. Lean-Management kann ich für untendrunter nur als «Muss» empfehlen, um es sanft auszudrücken.

Industrie 4.0 dient unserem Wachstum

Denn Industrie 4.0 ist nicht Selbstzweck für eine Technologiebranche, sondern möchte die Produktivität unseres Werkplatzes markant wachsen lassen und das ausgerichtet auf mutmassliche, künftige Kundenbedürfnisse nach einem individuellen Massenprodukt, das mehr Geld bringt und vor Ort produziert wird. Dann soll der Weg geöffnet werden, um vielleicht die Drehmaschinen, die wir produzieren, künftig einer «Shared turning economy» zu überlassen. Das klingt immer alles so beeindruckend und hätte auch eine Logik, stünden da nicht die alten grünen Maschinen, deren Vernetzung einzig aus dem Stromkabel besteht und auf denen wir in unseren Werken batchorientiert eben grosse Losgrössen fahren. Und wäre da nicht der Verwaltungsrat, der eine grosse Zurückhaltung in Sachen Digitalisierung übt, weil er eben selber nicht mit den neuen Technologien aufgewachsen ist. Ich weiss, dies ist harte Kritik, aber hält den Finger auf wunde Punkte, denen ich immer wieder begegne. «Readyness» ist nicht gleich Fahrt.

Wir müssen noch Hürden abbauen

Um Fahrt aufzunehmen, müssen wir noch einige Hürden abbauen. Noch fehlende, breite Standards und die Cyber Security sind das eine, die Traditionshürden in unseren Köpfen das andere. Der Generationenwechsel hat noch selten eine Revolution gebracht. Vielmehr eine wertvolle Evolution. Für das Fortkommen der Digitalisierung respektive von Industrie 4.0 muss dem Nachwuchs schneller Raum für Entscheidungen gegeben werden, um Tempo aufzunehmen.

Aber nun zur Eingangsfrage zurück: Da darf ich Sie beruhigen. Nach meiner Auffassung stecken die umliegenden Industrieländer in genau demselben Engpass. Und ich hoffe, dass wir – wie mit dem Gotthardtunnel – zeigen können, dass wir die Schnelleren sind. Nicht aus Spass, sondern weil wir es dringend brauchen um unseren weltweiten Spitzenrang auch für unseren Nachwuchs zu erhalten. 

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René Brugger: «Dem Nachwuchs muss man schneller Raum für Entscheidungen geben»