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Mit «Workplace Learning» gegen den IT-Fachkräftemangel : Ausgabe 13/2016, 17.08.2016

Eine spannende und lohnende Alternative

Wie viele MINT-Studienfächer gilt auch die Informatik als abstrakt und theoretisch. Das möchten die Fernfachhochschule Schweiz (FFHS) und ihre Partner aus der Wirtschaft ändern. Mit dem praxisintegrierten Studium bringen sie «Workplace Learning» in die Hochschullehre und bieten eine Alternative zum Fachkräftemangel.

Autor: Anja Bouron, Manager Corporate Relations, Projektleitung PiBS, FFHS

«Workplace Learning» – dieser Ausdruck stand Ende Juni im Zentrum der Debatte am Internationalen Kongress für Berufsbildung in Winterthur. Obschon sich alle Akteure einig sind, dass Workplace Learning das A und O einer anwendungsorientierten Lehre ist, wurde die Integration der Praxis, fundamentales Prinzip der Berufsbildung, an den Fachhochschulen eher stiefmütterlich behandelt.

Praxisintegriertes Bachelorstudium als Königsweg

Die FFHS hat sich diesem Kernthema gewidmet und mit führenden schweizerischen Unternehmen ein duales Studienmodell entwickelt: Das Praxisintegrierte Bachelorstudium (PiBS) verbindet die Hochschullehre mit Workplace Learning. Mit der praktischen Anwendung soll die abstrakte Theorie der Informatik verständlicher werden, was wiederum – so die Erwartung – die Jugendlichen von der Attraktivität eines Studiums und einer Karriere im MINT-Bereich (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft, Technik) überzeugt.

Marius Giger, PiBS-Studierender bei Swiss­com, beginnt im August das dritte Semester und ist begeistert: «Die Verbindung von beruflicher Praxis und Wissen aus dem Studium bietet mir eine optimale Grundlage für meinen weiteren Berufsweg. Das Know-how, das ich mir im Unternehmen erarbeiten kann, ist äusserst wertvoll. Ich lerne dadurch bereits während des Studiums Wichtiges über Entwicklungszyklen und den Geschäftsalltag.»

Ausbildung dauert acht Semester

Über acht Semester hinweg lernen PiBS-Studierende die IT aus der Firmenperspektive kennen und erlangen gleichzeitig das theoretische Wissen des Studiums. Dabei fokussiert PiBS die gezielte Verzahnung der Lehre mit der Praxis und die Entwicklung von Transfer- sowie Handlungskompetenzen und addiert damit stark nachgefragte Fähigkeiten zum fachlichen Know-how, welches das akkreditierte Informatikstudium vermittelt. Die Praxis ist zwar integraler Bestandteil des PiBS, wird aber nicht blind mit ECTS-Punkten belohnt.

Ein Instrumentarium an Massnahmen reguliert den praktischen Einsatz des Studenten, damit dieser nicht zum Nebenjob ohne Bezug mutiert. In Transferarbeiten beschreibt der Student, wie er die erworbene Theorie im Job umsetzen konnte. So entwickelt der Mitarbeiter analytische Fähigkeiten und kann praktische Problemstellungen strukturiert lösen. Marius Giger arbeitete im vergangenen Semester an einem neuen Raumreservationstool der Swisscom. Sein Fazit: «Ich kann dabei aktiv Einfluss auf die geplante Webapplikation nehmen. Im Studium vertiefe ich gleichzeitig mein Wissen im Modul Objektorientierte Programmierung. So erlerne ich parallel auch die Grundlagen in Projektmanagement, agiler Softwareentwicklung, Software und Netzarchitekturen sowie Design.»

Profilbildung nach Mass

PiBS macht die ICT nicht nur spannend für die Jugendlichen. Es erlaubt dem Praxispartner, das Profil «seines Studenten» von Beginn an hinsichtlich unternehmensspezifischer Bedürfnisse zu schärfen. Den Firmen erlaubt die FFHS ein hohes Mitspracherecht beim Angebot der Wahlmodule und Vertiefungen. Aktuell stehen etwa Themen wie Big Data, Cloud Computing und IT Security hoch im Kurs. Sie verlangen vielschichtiges Know-how, interdisziplinäres Denken und gleichzeitig ein grundlegendes Verständnis für die Bedürfnisse des Unternehmens. Diese Schwerpunkte bedürfen einer intensiven Auseinandersetzung mit der komplexen Materie und heben sich ausserdem von den Berufsausbildungsprofilen in der IT ab. Als Praxispartner im PiBS wird das traditionsreiche Unternehmen Schindler Aufzüge in Zukunft seine Studierenden im Bereich «Digitize the Field» einsetzen, eine Abteilung, die Aussenmitarbeiter mit digitalen Hilfsmitteln ausrüstet. Für diese gezielte Umsetzung der Digitalisierung erhielt Schindler 2015 den Digital Business Innovation Award.

Informatikabsolventen sind in der Unterzahl

Doch ohne Fachkräfte sind solche Leistungen schwer zu erreichen. Die angespannte Situation des Fachkräftemangels in der IT wird mit dem Digitalisierungsdruck noch verschärft: An den Hochschulen sind die Informatikabsolventen in der Unterzahl und die Einwanderungsinitiative macht es auch nicht einfacher, gute Fachkräfte im Ausland zu rekrutieren. Mit dem PiBS eröffnet sich eine neue Zielgruppe und eine Chance für die Unternehmen, IT-Fachkräfte auf FH-Niveau intern auszubilden. Viele Jugendliche mit Gymnasialmatura verspüren den Wunsch ins Berufsleben einzusteigen, möchten aber gleichwohl nicht auf einen Hochschulabschluss verzichten.

Gabriela Thalmann, HR-Managerin bei Schindler, sieht darin die Philosophie des Unternehmens reflektiert: «Wir sind daran interessiert, unsere jungen Nachwuchskräfte nahe am Business auszubilden und für uns gewinnen zu können. Das Erlernen des theoretischen Wissens parallel zur ersten praktischen Arbeitswelterfahrung sehen wir als sehr grosse Bereicherung für beide Seiten. So war und ist es für uns eine logische Schlussfolgerung, dass wir auch bei diesem neuen und spannenden Studiengang mit von der Partie sind. Wir sind überzeugt, mit dem Studiengang PiBS weitere talentierte junge Nachwuchskräfte für uns gewinnen zu können.»

Sehr hohe Flexibilität für die Betriebe

Die Flexibilität des Modells erlaubt Student und Arbeitgeber eine fast freie Zeiteinteilung. Die Vorlesungen an der FFHS werden konzentriert an nur einem Wochentag durchgeführt. Da dem Student darüber hinaus noch ein bis zwei Tage zum Selbststudium zur Verfügung stehen, können Arbeitgeber und -nehmer den Einsatz individuell absprechen. Das KMU und IT-Dienstleistungsunternehmen innobit AG in Basel bildet neben Lernenden seit langem schon Studierende der Dualen Hochschule Baden-Württemberg (DHBW) in Lörrach aus. Das schweizerische Modell mit mehr Einsatzflexibilität war der Hauptgrund des Wechsels von der DHBW zur FFHS. An der DHBW ist das Studium so organisiert, dass die Theorie- und Praxisphasen jeweils in drei Blockmonaten am Stück zu absolvieren sind.

Laut Catherine Vicente, HR-Verantwortliche bei innobit, hat sich diese Struktur insbesondere bei Projekteinsätzen bei Kunden als Nachteil erwiesen. «Mit dem PiBS und der Kooperation mit der FFHS haben wir den Vorteil, unsere Studenten besser in Projekte einbinden zu können. Dies erlaubt das fixe Arbeitspensum von 50 % pro Woche. Für unsere Kunden werden somit die Studierenden von Beginn an zu geschätzten und verfügbaren Ansprechpartnern. Für uns als Unternehmen erleichtert diese Variante des Studienaufbaus zudem die interne Planung.»

Lohnt sich die interne Kaderschmiede?

Ein altes Sprichwort besagt, dass der Mensch das erntet, was er gesät hat. Das trifft auch beim PiBS zu: Es bedarf einer Betreuung seitens des Unternehmens, um die Studierenden zielorientiert an die Aufgaben heranzuführen. Auswertungen ergaben, dass der Aufwand im ersten Semester durchschnittlich zwischen zwei bis fünf Stunden pro Woche lag, was sich im Verlauf des Studiums und mit wachsender Kompetenz des Studierenden sicherlich reduzieren wird. Neben der Betreuung besteht der finanzielle Aufwand primär aus Lohnkosten. Das Gehalt eines PiBS-Studierenden liegt im höheren Lehrlingsniveau plus Studiengebühren. Bereits im ersten Studienjahr können die Abteilungen oft schon einen Leistungsbeitrag erkennen, der sich dann sukzessive steigert.

Natürlich benötigt das duale Studium im Unternehmen ein Konzept, Budget sowie Sorgfalt bei der Durchführung. Doch die Pluspunkte liegen klar auf der Hand: Ein PiBS-Absolvent mit über vier Jahren Praxiserfahrung, Know-how über das Unternehmen sowie Handlungs- und Fachkompetenz findet sich nicht so einfach auf dem Campus. Marc Marthaler, Leiter Next Generation Swisscom, bringt es auf den Punkt: «Unsere PiBS-Studenten wachsen täglich an den Herausforderungen des Business. Keine Trainingsprojekte und keine Blindserien, sondern reale Kundenbedürfnisse und Umsatzbeiträge. Selbstorganisiertes Lernen und hohe Eigenmotivation zeichnen die Fachkräfte von morgen aus.» 

Infoservice

Fernfachhochschule Schweiz (FFHS)
Überlandstrasse 12, 3900 Brig
Tel. 027 922 39 00, www.ffhs.ch/pibs



Das PiBS ist ein innovatives Studienmodell für junge Menschen mit gymnasialer Maturität


Der Wechsel zwischen Unternehmen und Studium im Wochenrhythmus garantiert beim PiBS eine optimale Integration ins Berufsleben

FAEL Kompakt

FAEL: Swiss Engineering Fachgruppe für Elektronik & Informatik

Mitglieder: 994

Gründung: 1978

Präsident: Michael Pichler, Dipl. El. Ing. FH

Kontakt: Michael Pichler, Im Hochrain 6 8102 Oberengstringen, Tel. 076 521 09 10 praesident@fael.ch, www.fael.ch